Verharren in solider Stagnation

zu Daniel Wissers "Löwen in der Einöde"

Rezension für die Wiener Zeitung

(...) Um den zentralen Charakter Michael Braun gruppiert sich ein schmales, aber gut akzentuiertes Ensemble. Es findet die für das österreichische Fußballnationalteam geradezu traumatisierend erfolgreiche Fußball-WM 1978 ebenso einen Platz im schmalen Roman wie markante Medienereignisse und politische Meilensteine, beispielsweise die Abstimmung über die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, die Entführung des Biermoguls Alfred Heineken, der Einsturz der Reichsbrücke, der durch einen Sturz in einen Brunnen verunglückte italienische Junge Alfredo Rampi oder der in einer Gefängniszelle 18 Tage lang vergessene Andreas Mihavecz, der nur dank der  Kondensflüssigkeit an den Wänden überlebte; selbst das ist unglaubwürdig genug. Anhand dieser Beispiele entsteht eine biografische Klammer für die Hauptperson und eine Verortung des Gedächtnisses, die auf etwas Kollektives verweist.

Ein einziges Mal gelingt dieser Hauptperson des Romans ein Furor, ein Ausbruch. Welcher Art dieser Ausbruch ist, bleibt den Lesenden des Buchs vorbehalten. In diesem Moment wird aus dem Braun geradezu ein Rot, so entschlossen, so beharrlich agiert er da. Es ist eine spezifische Eigenart, dass sogar das Kind nicht bei seinem Vornamen genannt wird, sondern zumeist als Braun durch diese, seine Geschichte geht. So, als wäre er nicht einmal bei sich selbst heimisch. (...)

 

Der Kirschkern des Erfolgs

zu Jürgen-Thomas Ernsts "Vor hundert Jahren und einem Sommer"

Rezension für die Wiener Zeitung

(...) In den Augen des Märchenlesers haben indes zwei andere Qualitäten die heimlichen Hauptrollen inne: Topographie und Meteorologie. In einem leicht feierlichen, absichtsvoll anachronistisch gehaltenen Stil, der sich ganz selbstverständlich als auktorial versteht, bildet Ernst eine detailgenaue, fast überbordende Darstellung landschaftlicher und klimatischer Ereignisse. So, als würde sich in der metaphorisch verdichteten Außenwelt jener Reichtum entfalten, der den beiden Hauptfiguren in ihrem kargen Leben vorenthalten bleibt. 

Selten kann man in einem zeitgenössischen Roman von derart vielen Farben lesen, die alle möglichen Zu- und Umstände erhellen. Ein Sinnenrausch wird stimuliert. Ist diese stilistische Haltung eine Hommage an die Zeit des Expressionismus? Man darf vieles vermuten. Eine Besprechung verdient es verfasst zu werden, wenn sie sich nicht das Ziel einer Inhaltsangabe setzt; diese ist schließlich heutzutage leicht in den unendlichen Weiten des Internet zu finden. Vielmehr sei die Frage erlaubt, ob der Gestus des Märchens mit dem Anspruch, einen Entwicklungsroman zu schreiben, einlösbar ist? Ich will nicht verhehlen, dass dies nicht so recht aufgeht. Der Roman bleibt eine Projektionsfläche für das Idealisieren von Biografie und behauptet eher die Entwicklung, als dass er diese glaubwürdig anschaulich macht. (...)


Da spricht das Ding an sich

zu Gert Jonkes "Erwachen vom großen Schlafkrieg"

Rezension für das Buchmagazin des Literaturhauses

Die Stadt, die den Ort der Erzählung in Jonkes „Erwachen zum großen Schlafkrieg“ bildet, ist ein großes Ärgernis für konventionelle Stadtplaner. Kein Ding ist mit der ihm angedachten Rolle zufrieden, kein Stein bleibt auf den anderen. Ja, der Stein selbst ist entschieden unzufrieden damit, porös und statisch jahrelang an einer Stelle auszuharren. Die Auflösung der Physik geschieht in diesem Text des 2009 verstorbenen gebürtigen Klagenfurters Gert Jonke jedoch nicht durch öde Fantasy, sondern durch Poesie, durch eine Metaphorik, die an manchen Stellen vielleicht manieriert erscheint, aber in ihrer Akribie überzeugt. Die Bilder sind, wenn sie schon schief sind, dann eben solide schief, auch wenn sie sich weit hinauslehnen. In den allermeisten Fällen jedoch ist die Menschwerdung der Dinge geradezu körperlich beklemmend: „... die Dachstühle husten aus asthmatischen Kaminen, manche Gebäude niesen aus geöffneten Dachluken, dann und wann schiebt ein Haustor sein aus allen Treppen berstendes Stiegenhaus auf die Gasse, ...“

Dass dieser Text eine grobe Geschäftsstörung naturwissenschaftlich Überzeugter oder ideologieverkrampft Agierender leistet, ist seine volle Absicht. Weltbilder lösen sich in Bildlawinen auf, das einzelne Bild geht in einer Werkschau unter. Neoexpressionismus pur. Die Wirklichkeit ist alles andere als Ausmachenssache, sondern um William Blake zu sprechen, "würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, so erschiene dem Menschen alles, wie es ist: unendlich."

 


Requiem auf die Monarchie

zu Joseph Roths "Die Kapuzinergruft" (Hörspiel)

Rezension für das Buchmagazin des Literaturhauses

Joseph Roth hat zwar „Die Legende vom heiligen Trinker“ als sein Testament bezeichnet, hinsichtlich seines schriftstellerischen Kernthemas bildet zweifelsfrei die 1938 erschienene Kapuzinergruft einen kongenialen Schlusspunkt. Anhand des Schicksal von Franz Ferdinand Trotta wird Glorie und Verfall der Monarchie deutlich. Schon im „Radetzkymarsch“ bildet der Mikrokosmos der Familie Trotta den Nährboden für Roths zwischen anschaulichem und weit ausholendem Erzählen und lockerem Essayismus pendelnden literarischen Dokumentarismus. Während jedoch im „Radetzkymarsch“ der adelige Teil der Familie Trotta im Mittelpunkt steht, sehen wir in der Kapuzinergruft den Verfall des Bürgertums zunächst durch den Krieg, aber auch durch ein zerstörtes staatliches Gefüge in den Jahren danach.


Die lange Reise ins Nichts

zu Egyd Gstättners "Das Geisterschiff"

Rezension für das Buchmagazin des Literaturhauses

Egyd Gstättner erzählt in seinem Roman jedoch nicht von den glanzvollen Jahren Auchentallers und seinem Aufstieg zu einem der Secessionisten. Er widmet sich vielmehr dem größeren zweiten Teil dieses Künstlerleben, einem Leben, das hauptsächlich im damals noch verschlafenen Grado stattfand und von Abschieden bestimmt zu sein schien. Dabei entwickelt Gstättner eine klug komponierte Fiction-in-Fact-Dramaturgie. Äußere Ereignisse und alle vorkommenden Personen sind eng an die Wirklichkeit gebunden. Die zentrale Figur jedoch, der erzählende Auchentaller selbst, ist notwendigerweise wesentlich ein Produkt der Imagination Gstättners. Verlässliche Belege zu Auchentallers Leben an der Adria gibt es kaum. Der Autor meinte in einem Interview mit der Kleinen Zeitung: „Was ich erfunden habe, habe ich immer genau an einer Bruchlinie der Realität erfunden.“


Der Text der Kindheit, geschrieben am Körper

zu Paulus Hochgatterer: Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe

Rezension erschienen in der Wiener Zeitung 2012

Die Erfahrungen als Kinderpsychiater hat Paulus Hochgatterer nicht nur als Autor von Erzählungen und Romanen genutzt, sondern sie auch generell in Bezug zur Literatur gesetzt. Davon zeugen die im Herbst 2010 gehaltenen Zürcher Poetikvorlesungen des gebürtigen Amstettners, die den Kern seiner neuesten Publikation, den Band „Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe“., ausmachen. Darin zu finden sind gleich mehrere Argumente für die Notwendigkeit über Kinder zu schreiben. Hochgatterer formuliert neun poetologische Grundfiguren, die Kind und Sprache in Verbindung setzen. Die Klammer, die Hochgatterer setzt, ist gerade deshalb kindheitsspezifisch, weil er sie anschaulich macht durch das Bedürfnis zum Erzählen zu kommen. Vom Tabu über das Sterben des Kindes zu reden wird gesprochen, das ein noch größeres Tabu zu sein scheint als der Tod des Menschen allgemein.


Wonderboys im Kampf um Anerkennung

zu Marlen Schachingers "denn ihre Werke folgen ihnen nach"

Rezension erschienen in der Wiener Zeitung 2013

Schachinger gestaltet einen Roman über einen parasitären Über-Vater-(Über)-Sohn-Konflikt, der zudem die Abgründe des Literaturbetriebs veranschaulicht. Im Stile von „Big Brother“ gerät Luca Hofer gar in eine Casting-Show namens „Next Bestseller“, in welcher den KandidatInnen der Quote wegen abstruse Handlungen und Selbstverleugnung auferlegt werden. Das Spiel mit Empfehlungen und Cliquen der Literaturbranche wird gezeigt und ist jedem nur allzu vertraut, der den Vorhang bloß ein wenig anhebt.


Kurze Form und langer Nachhall

zu Alexander Widners "Gravesend"

Rezension erschienen in der Wiener Zeitung 2012

Die Form des Aphorismus ist seit Nietzsche eine Disziplin, in der sich ein Schreibender des öfteren eine üble Nachrede anhören muss. Natürlich: Vergleiche sind gewiss ebenfalls ein Übel. Knappe, konzise Sprüche erzeugen Wichtigkeit und oft ist bei entsprechender Konditionierung nur noch heiße Luft vorhanden, die aus den so gestalteten Sätzen austritt. Pathos pur ohne Sinngehalt beziehungsweise mit wenig mehr als Gemeinplätzen.

Alexander Widner hat – wie schon in früheren Büchern – für seinen im Wieser Verlag erschienenen Band Gravesend vor allem auf diese kurze Form vertraut. Auch wenn die Sentenzen in der Regel länger als ein Satz sind, so zielen sie doch auf Welthaltigkeit. Das ist zwar ein furchtbar wichtigtuerischer Begriff, aber er trifft den Kern der Aufzeichnungen. Damit dieses Unterfangen nicht schief geht, denn selbst (und gerade) bei Nietzsche finden sich – inmitten ganz herausragender Worterzeugnisse – zuweilen Banalitäten versteckt in weltmännischer Verkleidung, sind die verstreuten Bekenntnisse, Einsichten, Vorwürfe oder Aburteilungen mit ironischer Finesse oder überzeichnetem Ernst versehen und schaffen damit jenen Aufruhr, den der Aphorismus kraft seines Wesens schaffen soll. Wie um dies zu beweisen, findet sich auf Seite 75 etwa folgende Bemerkung: „Alles auf die Spitze zu treiben, fehlt die Courage. Es bis ins Letzte zu treiben, braucht es die schöne Unmoral von Kunst. Wenn sich keine Absicht dazuschlägt.“


Im Paradies der Zitate

zu Gerald Schmickls "Lob der Leichtigkeit"

Rezension für das Buchmagazin des Literaturhauses

Ein Füllhorn an Zitaten ergießt sich über Leserin und Leser. Damit einher geht eine exemplarische Darstellung der Lebenswelt eines Intellektuellen, der gleichsam sein Leben mit und zwischen Zitaten fristet. Besonders deutlich wird der Systemzwang aller mit Bücher Befassten, wenn ein anderer mit einem Zitat zitiert wird. Schmickl etwa kommt in seinem konzisen Essay „Urlaub vom Ich“ auf den Branchenkollegen Franz Schuh zu sprechen. Dieser versucht das schlüpfrige „Ich“ zu fassen, das beispielsweise Ernst Mach schon vor gut 100 Jahren als unrettbar bezeichnete und Nietzsche mehr oder minder bereits 40 Jahre davor, indem er sich an die kleine Philosophin Lisa Simpson hält, die in einer Folge der Zeichentrickserie feststellt: „Ich selbst sein hat nicht funktioniert, und jemand anders sein hat auch nicht funktioniert.“

Diese Prägnanz imponiert. Sie imponiert offenbar auch Schmickl, der eben dies zitiert und man darf auch Schuh unterstellen, dass er von dieser so schlichten Stringenz geradezu erleichtert berührt war. Was hier aber noch gezeigt wird, ist eine Konstante unserer heutigen Existenz: Wissenschaft und Populärkultur durchdringen einander. Und dass wir mit der permanenten Wiederholung leben: Schuh zitiert Simpson, Schmickl zitiert Schuh, Peer zitiert Schmickl. Man mag demjenigen, der zitiert, eine gewisse Koketterie attestieren, wenn er sich auf die Schultern eines Kolosses setzt und etwas von der Höhenluft aufschnappen möchte. Das kann, muss aber nicht stimmen. Es ist befreiend humorvoll, eine Cartoon-Figur zu zitieren und damit den akademischen Ernst intelligent auf die Schaufel zu nehmen. Faktisch ist der Befund, dass wir in einer nicht endenden Staffel von Zitaten festhängen, kaum zu leugnen.


Essays, Reden und Bekenntnisse. 

zu Robert Schindels "Man ist viel zu früh jung"

Rezension für das Buchmagazin des Literaturhauses

Bücher wie dieses zeigen das Alter eines Schreibenden an. Sie haben – ob sie das beabsichtigen oder nicht – einen retrospektiven Charakter. Sie ergänzen oder vielmehr runden das Schreiben Schindels ab, wahren das Flüchtige. Es ist jedoch zu hoffen, dass eine Werkschau noch warten lässt – denn eine solche wird fast immer posthum erstellt.