"Als ich nicht anders konnte, als Robert Walser zu sein"

"Wieder sehe ich eine Fee durch den Raum schweben, sie kommt zu mir, aber anstelle von drei Wünschen, bringt sie mir bloß den Kassabon. Ich zahle meinen Café Latte und als die Fee den Weg freimacht, sitzt plötzlich wenige Meter vor mir eine Leserin, mit rossschwanzgeschmücktem Kopf sinkt sie Zeile für Zeile in den Gehülfen. Sie ist freilich zu jung dafür, dass ich sie mit ruhigem Gewissen meiner in die Jahre kommenden und doch seltsam gleich bleibenden Phantasie überantworten darf.

Meine Phantasie ist im übrigen überhaupt nicht ungewaschen, meine Phantasie wird auf Hochglanzpapier gedruckt! Sie könnte meine Tochter sein, ich weiß, aber ich bin nicht Humbert Humbert, sie nicht meine „Lo“.
Sie ist älter als Lo, ich jünger als Humbert.

Bestimmt wartet sie auf ihren Freund! Aber sie liest Walser?!

Eigenartig. Nicht älter als sechzehn und liest den Walser Robert.

Sie geht aufs Ganze, sie will keine bürgerliche Versöhnung.

Was soll aus ihr bloß werden?"

 

Auszug aus meinem Beitrag zum Jahrbuch 7 des Literaturhauses Liechtenstein, 2012/2013

 

passage

164 Seiten Inhalt, Softcover mit Schutzumschlag, Format 17 x 27 cm,
ISBN 978-3-9523379-6-7 CHF 30.– / EURO 24.50
Bei Versand zzgl. Versandkostenpauschale von CHF 6.– (Liechtenstein und Schweiz) bzw. CHF 10.– (EU) 

Das Literaturhaus Liechtenstein gibt diesen Sommer bereits sein siebtes Jahrbuch heraus. Als Plattform für JungautorInnen und erfahrene Schriftsteller-Innen etabliert sich die Publikation in Liechtenstein als einziges, zeitgenössisches Literaturforum mit Erst-erscheinungen. Rund dreissig Autorinnen und Autoren aus Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und Deutschland befassen sich mit dem Themenkomplex «passage» in Form von Prosa, Lyrik, Essays und Rezensionen. Das Jahrbuch 7 ist bereichernde und reichhaltige Anthologie und zeigt eine lebendige, frische Literaturszene, die vielfältige Leseansprüche erfüllt. Da wäre zum Beispiel die schräge und tiefsinnige Geistergeschichte rund um eine Motorrad-Gang von Stefan Sprenger oder die vergnüglich-hintergründige Untersuchung über die Passüberquerung in der Literatur von Rainer Stöckli. Margret Kreidl und Lucas Cejpek stellen ihr literarisches Lexikon der anderen Art vor. Theo Roos verbindet Blues und Neuronen des letzten Übergangs. Andreas Altmann und Max Sessner verdichten ihre Wahrnehmung zu eindringlicher Lyrik … Passagen als Reisen ins Innere und Äussere, melancholisch und nachdenklich, witzig und ironisch, über Grenzen hinweg. 

Mit Text- und Bildbeiträgen von:
Andreas Altmann, Roman Banzer, Nancy Barouk-Hasler, Sabine Bockmühl, Gabriele Bösch, Verena Bühler, Lucas Cejpeck, Andrea Gerster, Adam Glinski, Christine Glinski-Kaufmann, Anita Grüneis, Josef Hürlimann, Jonathan Huston, Nils Jensen, Margret Kreidl, Nicole Makarewicz, Susanne Mathies, Lika Nüssli, Alexander Peer, Hansjörg Quaderer, Hans-Jörg Rheinberger, Theo Roos, Melanie S. Rose, Marko Sauer, Anita C. Schaub, Max Sessner, Stefan Sprenger, Rainer Stöckli, Etta Streicher und Nikolaus Walter. Umschlagbilder: Werner Marxer

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