Von „hustenden Dachstühlen“ und „Häusern wie brave Tanten“
– Die Stadt in der Literatur

Essay von Alexander Peer fürs Literaturhaus Wien

„An manchen Tagen springen die Straßenbahnschienen aus dem Asphalt, schütteln sich lästige Haltestellen ab und verlegen sich die Endstationen ein paar Meter luftaufwärts.“1

Eine solche Stadt mag ein Ärgernis für Stadtplaner und Bedienstete der öffentlichen Verkehrsbetriebe darstellen. Für ein Denken out-of-the-box hingegen – wie es in manchen, oft empfindlich teuren Selbsterfahrungsseminaren heißt –, ist Literatur immer noch der beste Nährboden. Einer Stadt als Körper, der sich wandelt, der mitunter zuckt und seine Durchlässigkeit beweist, begegnet man in Gert Jonkes Erwachen zum großen Schlafkrieg. Hier begehrt ein Text gegen die Trägheit der Physik auf. Die stumpfe Metapher vom Leben auf vorgegebenen Schienen wird im anarchischen Übermut aufgebrochen. Auf einmal nimmt man auch die vormals abstrakte Infrastruktur als organische Umgebung wahr. Einfühlsam fragt man, welche Befindlichkeiten diesen Schienen derart zu schaffen machen und welche unerfüllten Wünsche unsere materielle Nachbarschaft denn noch so birgt.

Ganz anders als etwa in Fritz Langs cineastischem Meilenstein Metropolis (1927), in welchem die Anonymität wuchernder Großstädte in einer grellen Vision deutlich wird und die soziale Kluft sich im Stadtbild verfestigt, gestaltet Jonke einen Expressionismus, der den Schwerpunkt auf eine Stadtbetrachtung der unausgeschöpften Möglichkeiten richtet. Da wie dort verlassen die Mobile den Boden und steigen empor. Doch wie unterschiedlich gebärden sich diese Städte! In Jonkes Text horchen wir an wortgewaltigen Fassaden und ducken uns bei raumgreifenden Hauseingängen. Lesend entwickeln wir eine andere Beziehung zur Stadt. Die Gebäude unterliegen ihren menschlich anmutenden Bedürfnissen, sie husten, schütteln und grämen sich. Zuweilen geben sie sich trotzig.

Die Architektur hat ein Privileg vor allen anderen Künsten: Man kann sich ihren Objekten nicht beharrlich entziehen. Lediglich Eremiten meinen, sich außerhalb einer gebauten Welt setzen zu können. Aber tun sie das wirklich? In der Pinzgauer Kitzlochklamm soll bis vor einigen Jahrzehnten noch ein solcher Aussteiger gehaust haben. Selbst in dieser menschenverlassenen Einsamkeit schafft sich einer eine Umgebung, sucht eine Höhle und definiert einen Lebensraum. Die Objekte des Waldes werden zu Alltagsgegenständen, liefern das bemooste, feuchte Interieur für die asketische und meist wohl schrecklich ungemütliche Bleibe. Architektur versteht sich als das Gestalten von Raum und schafft eine gebaute Umgebung. Das Prinzip ist beim Eremiten also ident mit dem Errichten heiliger Tempel – seien es jene der Antike oder die in den Finanzdistrikten der Gegenwart.

Ein Buch mag man aus der Hand legen, einem Bild den Blick verwehren, gegen die Musik kann man im Notfall auch Ohrenstöpsel einsetzen, doch die Architektur bestimmt und gestaltet den Raum, sie definiert ein Außen und Innen, in dem wir uns bewegen, arbeiten, essen und schlafen. Die Fassaden leiten unseren Blick und der Raum strukturiert sich durch die Architektur.

(...)

1 Gert Jonke, Erwachen zum großen Schlafkrieg. Salzburg: Jung und Jung 2011. S. 8

Mein Essay über die Wechselwirkung von Architektur und Literatur und wie das Motiv Stadt in vollkommen unterschiedlicher Weise literarisch gestaltet ist. In voller Länge im Online-Magazin des Literaturhauses Wien zu lesen.

Ich frage mich ...

Was hat es mit den Anfängen auf sich?

erschienen im Standard 2012

Schon von Anfang an habe ich Anfänge gesammelt.
Das Erzählen ist allein deshalb eine Fiktion, weil es einen Anfang behauptet.

Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit Jahren schon. Immer wieder zuckte dieser Satz in meinem Hirn. Jemand musste K. verleumdet haben. Und dann konnte ich ihm kaum Einhalt gebieten, konnte ihn nicht zurückweisen, als ich mich vor dem Blatt sitzend um schriftsprachliche Konsistenz mühte. So kam er schnell aufs Blatt und kümmerte sich – ein beispielhafter Egozentriker so gut wie jeder andere Satz – nicht darum, dass er mir diesen Text von Anfang an gründlich vermiesen würde. Keiner könnte diesen Text lesen, ohne diese Referenz zu übersehen. Diese Referenz, die nicht einmal den ganzen Satz, sondern nur ein Fragment leistet. Jeder würde den Autor dieses Textes als Angeber oder als Nichtsnutz, der mit den Verdiensten anderer zu prahlen suchte, klassifizieren. Oder ihn gar als Naivling, der glaubte, hier würde ein großer Betrug unerkannt bleiben, betrachten. Und damit wäre es geschehen, noch bevor Wesentliches passieren hätte können. Es wäre um den Text geschehen, der einer mehr wäre in jenem Universum der vielfach ungelesenen Texte.

Aber wie ist es mit dem Weiterlesen bestellt? Welche Gewürze müssen auf den ersten Seiten verstreut sein, damit eine Lektorin oder ein Juror sich die Mühe des Umblätterns antun? Würden sie oder er es nicht tun, würde der Text nie Bekanntschaft mit einer Buchleserin und einem Buchleser machen. Bliebe der Text immer nur Text, ohne erfolgreich bestandene Reifeprüfung mit Buchabschluss? Wie könnte es verhindert werden, dass eine und einer nicht nur etwa teilnahmslos Blatt für Blatt wenden, sondern am Geschehen teilhaben und sich nicht entziehen können? (...)

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